
Eine zunehmende Zahl von Menschen sucht bei Krankheit nicht nur Hilfe in unserem materialistisch und humanistisch geprägten Gesundheitswesen, sondern auch in Angeboten anderen weltanschaulichen Hintergrundes: Esoterik, Anthroposophie, Traditionell-Chinesische Medizin...
Vielen dieser Angebote ist gemeinsam, dass die Bedeutung der spirituellen Dimension des Menschen erkannt und einbezogen wird. „Ganzheitlichkeit“ ist zu einem Modewort geworden, das allerdings meistens nicht im christlichen Kontext verwendet wird.
Christen stehen dieser Entwicklung in unserer Gesellschaft oft ablehnend gegenüber, ohne gleichzeitig das einladende Angebot der Christlichen Heilkunde klar formulieren und in die Begleitung Kranker einbringen zu können. Um so mehr sind wir herausgefordert, die reichen pflegerischen und therapeutischen Erfahrungen von Christen zu bündeln, sie zeitgemäß auf der Grundlage des Biblisch-Christlichen Menschenbildes zu formulieren, als Christliche Heilkunde weiterzuentwickeln und in die Praxis umzusetzen.
CHRISTEN IM GESUNDHEITSWESEN
Reinhard Köller
Dr. med. Claudia Schark
Dr. med. Georg Schiffner
Jeder Mensch - sei es Therapeut oder Patient - wird von der
Heilkunde geprägt, der er sich anvertraut. Hinter jeder
pflegerischen, therapeutischen oder medizinischen Handlung steht ein
Menschenbild, ein "Glaube".![]()
Wir sind in unserer Gesellschaft von unterschiedlichen
Weltanschauungen geprägt. Hierzu zählen vor allem der Materialismus,
Rationalismus, Humanismus, Naturalismus, das New-Age-Weltbild und
der Christliche Glaube. Grundelemente des Christlichen
Menschenbildes sind: Person [1] und
Ordnung (Information [2])
Der Mensch: ein Geschöpf Gottes. Er bezieht seine Identität als
Person aus der Ebenbildlichkeit Gottes. Er ist beauftragt, in der
Schöpfungsordnung Gottes zu leben.
[1] Ein wesentlicher Baustein des
biblisch-christlichen Menschenbildes ist der PERSON – Begriff.
Gott und Mensch sind personale Wesen. Sie besitzen die nicht weiter
zerlegbaren Eigenschaften Autonomie und Kreativität und können zu
sich selber in eine (selbst-)kritische Beziehung treten – neben
anderen Merkmalen unterscheiden sich hierin Gott und Mensch
von Tieren.
[2] Der Mensch ist Träger von Informationen – einer Ansammlung
von Zeichen in einer bestimmten Ordnung. Informationen können
materiell (z.B. Genetik) oder geistig repräsentiert sein (z.B. eine
Idee).![]()
3.1 Der Zugang zum
Verständnis von Krankheit und Gesundheit erschließt
sich durch das Verständnis der zerbrochenen Mensch – Gott –
Beziehung, der Erlösungs- und Heilungsbedürftigkeit der ganzen
Schöpfung und durch das Verständnis der sich verschenkenden Liebe
Gottes, die dem Menschen durch Jesus zuteil wird.
Jedes menschliche Erkennen ist begrenzt, jedes diagnostische Kausalitätsdenken mit allen resultierenden Schlussfolgerungen für die Therapie birgt die große Gefahr, sich von der Wirklichkeit zu entfernen. Dies gilt für den medizinisch-wissenschaftlichen Bereich genauso wie für manche fromme Dogmatik oder andere Formen verabsolutierter Teilwahrheiten. Öffnet sich der Mensch mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seinem ganzen Wesen dem Dreieinigen Gott und sucht seine Nähe, geschieht Heilung in einem umfassenden Sinn (... oder ein bestehender Konflikt spitzt sich krisenhaft zu!).
3.2 Krankheit
Krankheit aller Lebewesen ist
immer auf die von Gott (ab)gefallene Schöpfungsordnung
zurückzuführen und somit Ausdruck der Un-ordnung
dieser Welt bzw. Ausdruck der Erlösungsbedürftigkeit der ganzen
Schöpfung. Krankheit kann subjektiv und objektiv unterschiedlich, ja
kontrovers erlebt und bewertet werden. Krankheit kann den Menschen
in seinen Lebensvollzügen gering oder auch massiv beeinträchtigen.
Die Auseinandersetzung mit der Krankheitswirklichkeit im Leben eines
Menschen führt zu mehreren Sicht- und Bewertungswegen und damit zu
komplexen Therapieansätzen. Eine kausal orientierte Sichtweise hat
beispielsweise ebenso ihre Bedeutung wie eine finale Sicht; ein
beziehungsorientierter Therapieweg ebenso wie ein körperorientierter
Therapieweg etc.
Krankheit im Leben des Menschen muss im Kontext seiner Biographie, seiner spirituellen, der psychosozialen sowie der physischen Wirklichkeit bewertet und verstanden werden. Wer seinen Blick weitet, entdeckt in jedem Kranken auch das Heile, das Schöne, ja die Liebe und Herrlichkeit des Schöpfers. Zugleich weiß er um die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens.
3.3 Kerngesundheit
Die Kerngesundheit beginnt da, wo der Mensch das Heil Gottes in
Jesus Christus (am Kreuz) persönlich angenommen hat und in versöhnte
Beziehungen zu sich selber, zu seinen Mitmenschen und zur Umwelt
hineinwächst. Kern-gesund-sein bedeutet: Leben in der Gnade
Gottes. Leben in Beziehungsfähigkeit. Leben im Geben und Empfangen.
(Kann ein Mensch mit einer Trisomie, einer
Alzheimererkrankung oder einer amputierten Gliedmaße ein
Kern‑gesunder Menschen sein? Vielleicht mehr als ein sportlicher,
intelligenter und erfolgreicher Mensch, der Gott aus seinem Leben
ausgeklammert hat. Zweifelsohne sind alle drei hier genannten
heilungs‑bedürftig!)
3.4 Prozess Heilung
Heilung ist ein Prozess, der unser ganzes Leben einschließt. Ein
Prozess, in dem unser Leben - auch durch Leid hindurch - umgestaltet
und geprägt wird hin zur vollkommenen Schöpfungsordnung Gottes.
Der Heilungsprozess bedarf des Ineinandergreifens einerseits von menschlicher Initiative, einem nach den Ordnungen Gottes verantwortlich gestalteten Leben und immer wieder neu gewagtem Gottvertrauen, andererseits von der vorauseilenden Gnade Gottes des Vaters, der grenzenlosen Liebe des Sohnes und der übernatürlichen Wirkungen bzw. Gnadengaben des Heiligen Geistes. Dieses Ineinandergreifen ist ein Geheimnis; wir kennen die tieferen Zusammenhänge nicht. Aber wir wissen, dass beides zusammengehört.
Auch obliegt es der Souveränität
Gottes, wie er den
Heilungsprozess gestaltet. Aus unserer begrenzten Wahrnehmung
erleben wir sowohl ein punktuelles, übernatürlich bzw. als Wunder
erscheinendes Handeln Gottes als auch kontinuierliche Prozesse mit
phasenweise kaum wahrnehmbaren Veränderungen oder Fortschritten, ja
als Rückschritte imponierende Entwicklungen. Gott der Schöpfer
fordert uns heraus, unter seiner Leitung auch die heilungsfördernden
Mittel und Methoden dieser Welt sowie Pflegende, Ärzte und / oder
Therapeuten als begabte Menschen auf dem Weg zur Heilung in Anspruch
zu nehmen (s.u.).
Heilung schließt ein, dass Gott uns auch
zum
Leiden
befähigt: Im Angesicht von Not,
Krankheit, Elend oder Ungerechtigkeit festzuhalten an der Liebe, der
Güte und der Barmherzigkeit Gottes. Dieses "Festhalten " bezieht
gerade auch das Klagen und Weinen ein.![]()
Von Gott kommen das Heil und die Gaben zur
Heilung des Menschen. Dazu gehören Charismen genauso wie
schöpfungsgemäße Gaben, übernatürliches Eingreifen Gottes genauso
wie natürliche Heilquellen. Von dieser Grunderfahrung ausgehend
wendet sich in der christlichen Heilkunde der Therapeut dem
Patienten zu. (Vgl. hierzu auch Matth. 22,37-39: „Du sollst den
Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit
all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso
wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst.“)![]()
6.1
Christliche Pflege, Medizin und Therapie versteht sich als
barmherzige „Pflege“ des Menschen unter der Leitung Gottes:
Der Helfer begleitet den Kranken zu dem Dreieinigen Gott, zu den
göttlichen Quellen des Heils und der Heilung. Auf diesem Weg bzw. in
diesem Prozess findet der Therapeut einen beziehungsmäßigen Zugang
zum Kranken, zu seinem Leben, zu seiner Person. Er fördert und
schützt den Kranken, er dient ihm mit den von Gott verliehenen
geistlichen und schöpfungsgemäßen Gaben.
6.2 Der Helfer tritt in seiner
Professionalität zusammen mit dem Patienten bewusst in Beziehung zu
Gott.
Beide erwarten von Ihm diagnostischen „Durchblick“ und Hilfen zum
Heilwerden. Beide übernehmen Verantwortung vor Gott, jeder in der
Autorität, die ihm von Gott gegeben ist.
6.3 Patient und Therapeut sind somit
zuallererst Hörende.
Sie sind im Tiefsten auf das Reden Gottes angewiesen. Damit sind sie
beide Empfangende: von Gott geliebt, erfahren sie, wie Gott ihnen
zum Heil des Patienten dient.
6.4 Der Helfer / Therapeut ist sich
seiner grundsätzlichen Heilungsbedürftigkeit bewusst.
Er ist bereit, auch für sich persönlich Hilfe im Sinne der
christlichen Heilkunde in Anspruch zu nehmen. Er kann in
vielfältiger Weise durch den Patienten beschenkt werden. Ein
besonderes Geheimnis des Gottesreiches ist die persönliche Begegnung
Christi gerade durch den Kranken, den Armen, den Schwachen hindurch.![]()
Gemeint sind Heilmittel und Heilmethoden, sofern sie der
biblischen Sicht vom Menschen bzw. den biblischen Wahrheiten nicht
widersprechen. Hierzu zählen Elemente der Schulmedizin genauso wie
der Volks- und Erfahrungsmedizin und andere. Sie entkleidet diese im
Einzelfall jedoch von ihrem Absolutheitsanspruch und den damit
verbundenen „Heil‑Kunden“. Auch ethisch nicht verantwortbare Mittel
und Methoden werden ausgeschlossen.![]()
Als spezifische Elemente der Christlichen Heilkunde seien z.B. genannt:
Es gibt inzwischen eine ganze Reihe wissenschaftlicher Studien
zu den Wirkungen von Gebet und Fürbitte auf den Heilungsprozess von
Kranken, zu übernatürlichen Heilungen bzw. zu den präventiven und
therapeutischen Dimensionen eines mit Gott versöhnten Lebens. (Ein
sehr empfehlenswertes Buch zu dieser Thematik: Prof. Dale A.
Matthews: Glaube macht gesund. Herder-Verlag, 2000)
![]()
Die Erneuerung in der Kirche muss sich u. a. daran messen lassen, wie Christen mit Kranken umgehen. Der akut Kranke stellt andere Anforderungen an das „Therapeutische Team“ als der chronisch Kranke. Die Kirche Christi wird ihre geistlichen Autorität gerade auch dort stärken, wo sie sich den Herausforderungen der chronisch Kranken stellt. Ihre Begleitung erfordert die seelsorgerliche Verarbeitung von Leid, Isolation und Enttäuschungen, ohne in eine falsche Leidenstheologie oder in einen bedrückenden „Pflicht‑Wunderglauben“ abzugleiten.
Die große Herausforderung, sich mit dem Kranken und Leidenden zu identifizieren, ihn zu Jesus zu tragen und für seine Heilung zu glauben und betend einzustehen führt die Jünger Jesu gemeinsam in seine Nähe, in die Konfrontation mit seiner zur Umkehr bewegenden Wahrheit, in seine vergebende Liebe und lässt sie seine erneuernde, heilende Kraft existentiell erfahren.
Der „Funke“ springt vom Herzen Jesu über in das Herz der Jünger –
denn Jesus selber hat sich mit den Kranken, Armen und Bedrückten in
besonderer Weise identifiziert: „Er hat mich gesandt, damit ich den
Armen eine gute Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die
Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die
Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn
ausrufe.“ (Lukas 4,18+19) ![]()
CH entspringt dem Grundauftrag Jesu Christi an seine Jünger und damit an die ganze Kirche! CH kann und darf nicht auf bestimmte theologische Richtungen oder einseitige Dogmen aufbauen. Andernfalls würde sie Gottes Möglichkeiten einschränken und seine ganzheitliche Sicht des Menschen missverstehen.
Es gibt in der gesamten Kirchengeschichte einen unendlichen
Schatz an Erfahrungen zur Vielfalt des heilenden Handelns Gottes. Es
lohnt sich, diesen Schatz zu heben und für unsere Zeit zugänglich zu
machen. Allein die gegenwärtig weltweit wahrnehmbare Vielfalt der
Heilungserfahrungen in der Kirche Christi kündet von der Größe
Gottes.![]()
Die Kirche hat – insbesondere im Westen – über Jahrhunderte den Heilungsauftrag an die Welt delegiert und die Autorität für eine Christliche Heilkunde in erheblichem Maße verloren. Heute gibt es zwar immer noch viele caritative oder diakonische Einrichtungen im Gesundheitswesen. Sie sind jedoch häufig säkularisiert – vielerorts beschränkt sich das Christliche auf wenige Zeichen und Symbole. Da der Auftrag Christi seine Gültigkeit nicht verloren hat, gilt es, die CH wieder in den Raum der Kirche zu integrieren. Denn hier gehört sie hin! Die Notwendigkeit eines solchen Strukturwandels ist auch darin begründet, dass die „Nachfrage“ nach medizinischen, therapeutischen und gesundheitsfördernden Dienstleistungen noch erheblich steigen wird, das Vertrauen in das etablierte Medizinsystem aber immer mehr schwindet.
Die Kirche ist aufgefordert, gegenüber dem wachsenden Esoterik‑
und New‑Age-Markt eine klare, glaubwürdige christliche Alternative
zu setzen. ![]()

12 Thesen der
1. Es gibt keine wertneutrale Heilkunde
2. Das Christliche Menschenbild ist unverwechselbar
5. Die versöhnte Beziehung von Gott und Mensch ist grundlegend für die christliche Heilkunde
7. CH integriert Elemente verschiedener therapeutischer Konzepte
8. In der CH gilt es, die vielfältigen Hilfen und Wege Gottes zur Heilung fruchtbar zu nutzen
9. CH hat auch einen wissenschaftlichen Zugang
11. Die CH ist nicht evangelisch oder orthodox oder katholisch oder anglikanisch oder pfingstlich...